„Möchtest du einmal ein Tattoo haben?“, fragte mich meine Cousine im Strandurlaub, das Eis fest in ihrer kleinen, zierlichen Hand.
„Nein, niemals. Ich würde mich niiieeemals tätowieren lassen!“, entgegnete ich kopfschüttelnd.
„Nicht? Nicht einmal für…hmmm… Nicht einmal für mehrere Millionen?“
„Nein, auch nicht für mehrere Millionen! Niemals! Keine Tattoos! Und Piercings auch nicht!“

Hier bin ich also, ca. 11 Jahre später.
Die Nadel hat meinen Körper nun exakt dreißig Mal durchstochen. Drei meiner Ohrlöcher sind gedehnt; eins davon auf 20 Millimeter.
Mein erstes Piercing? Mein Septum. Wurde selbstverständlich, wie es bei den rebellierenden Teenagern nunmal ist, spontan gegen 1 oder 2 Uhr nachts gestochen, weil…ihr wisst schon. YOLO. F*ck the system. – Aber eins muss ich meinem damaligen Ich lassen: Wenigstens habe ich mir in der Apotheke vorher einen PVK geholt und alles desinfiziert. Keine Nähnadel, keine Sorge. Keep calm and trust Ekuase. Und: Es ist super gut geworden. Aber: Macht es bitte nicht nach. Ich war bei Aktionen dabei… Lassen wir das an dieser Stelle lieber. Vertraut mir einfach, wenn ich euch sage, dass ihr zu einem guten Piercer gehen und in eure Piercings investieren solltet. Kein Piercing von Marvin vom Szene-Treff für einen Kasten Bier als Bezahlung. Nein, pfui, böse. 😜
Wie sieht es mit Tattoos aus? Habe ich welche? JAP, positiv. Habe ich. Meine Haut zieren bislang zwei eher einfachere Tattoos. – Ach und mein Oberarm? Tja, der gleicht einem bunten T-Shirt-Ärmel.

Habe ich mehrere Millionen dafür bekommen? Leider nein. Es fühlt sich aber so an, als hätte ich mehrere Millionen für meine Body Modifications ausgegeben. Dennoch ist bislang kein Ende in Sicht – erst recht nicht, wenn es um meine Tattoos geht. Die Liste ist recht lang, bzw. die Tattoos eher großflächig geplant, was ich optisch sehr ansprechend finde.

Im heutigen Beitrag möchte ich euch von meiner ersten Sleeve-Sitzung berichten, welche gleichzeitig ebenso meine erste Erfahrung mit einem großflächigen Tattoo ist, da meine anderen beiden, wie bereits im ‚Intro‘ erwähnt, eher klein und einfach gehalten sind. Eins kann ich euch auf jeden Fall schonmal sagen: Es war anstrengend. Es war irgendwann wirklich einfach nur noch anstrengend.
Erinnert ihr euch noch an meinen Beitrag, in welchem es um mein Fingertattoo ging? Es war in ca. zehn Minuten fertig.

Die Fertigstellung des ersten Teils meines Sleeves hat ungefähr achteinhalb Stunden gedauert.

Diese Zeit verging allerdings recht schnell. Gut, ich habe aber wiederum sehr viel Geduld und finde Wartezeiten nicht besonders schlimm – es sei denn…der Autofahrer vor mir fährt 50, wenn 100 km/h erlaubt wären.
Morgens.
Wenn ich es eilig habe.
Sehr eilig.
Da habe ich absolut keine Geduld. Absolut nicht – schuldig im Sinne der Anklage.

Angefangen hat der spektakuläre Tag – der übrigens am 3. November 2016 war – recht früh, da ich eine knapp zweistündige Autofahrt vor mir hatte. Mit einberechnen musste ich Stau. Die Sache mit dem Parken war glücklicherweise optimal, da es ungefähr 100m weiter ein Parkhaus gab, welches zum Glück 24 Stunden offen war.
Nach meiner Ankunft, gab es erst einmal eine relativ lange Wartezeit. Aufgeschlossen wurde das Studio nämlich gegen 10 Uhr morgens, mit dem Tätowieren begann mein Tätowierer, welcher übrigens jünger ist, als ich, was ich im ersten Moment aus irgendeinem Grund recht witzig fand, letztlich gegen 13 Uhr. Vorher hat er mein Tattoo am Computer erstellt, Den Entwurf ausgedruckt und mir seine Idee präsentiert, welche er aus meinen Vorstellungen und dem Ideenpool, den ich zuvor mitbrachte und ihm zeigte, designt hat. Danach haben wir den Ausdruck an meinen Arm angelegt und geschaut, ob es von der Größe her passen würde. Ursprünglich sollte mein Unterarm tätowiert werden, aber auf diesen hätte Tattoo in der Größe nicht gepasst; es hätte verkleinert werden müssen. Nach ein paar Überlegungen, haben wir uns jedoch dazu entschieden, den Entwurf auf meinem Oberarm anzubringen, da das Motiv dort um einiges ästhetischer wäre.
Nachdem wir mit der Platzierung zufrieden waren, hat er das Motiv auf spezielles ‚Papier‘ abgezeichnet, es auf meinem Arm angebracht, noch ein paar Korrekturen vorgenommen und dann ging die Session los.

Kommen wir zu der Frage, die ich in 99% der Fälle als erstes gestellt bekomme: Hat es (sehr) wehgetan?

In manchen Momenten klang mein Gedankengang wie folgt: „Wenn du noch ein einziges Mal mit diesem Tuch über meinen Arm wischst, zerreiße ich dich.“ – Für die, die mit diesem Satz nichts anfangen können: Wenn ein Tätowierer eine Person tätowiert, so muss er zwischendurch immer mal wieder mit einem Tuch über die zu tätowierende Stelle wischen, um ordentlich, sauber und genau arbeiten zu können. Während des Tätowiervorgangs tunkt der Tätowierer seine Tattoomaschine immer wieder in seine Farbe. Die Farbe, welche aufgenommen wird, geht aber nicht zu 100% unter die Haut, sondern nur ein Teil dieser. Die Tinte, die dann nicht in die Haut gelangt, bleibt an der Hautoberfläche und läuft leicht aus. Dieser Farbüberschuss behindert die Sicht, sodass an dieser Stelle das Wischen von Nöten ist. Doch nicht nur die Farbe behindert den Tätowiervorgang, sondern auch das Blut, welches aus der Haut austritt. Das ist nichts schlimmes, denn immerhin reden wir davon, Farbe mithilfe einer Nadel (bzw. mehreren) unter die Haut zu bringen. Es ist natürlich, dass bei diesem Prozess Blut austritt – bitte stellt euch an dieser Stelle keine Blutlache vor, denn so schlimm ist es nicht. 😉 Dieses Wischen, das in diesen Situationen erforderlich ist, um das gewünschte Ergebnis zu liefern, irritiert nach einer Zeit jedoch die Haut, logisch, sodass es zu brennen beginnt und zunehmend unangenehm wird, bis es irgendwann wehtut. So sehr, dass ich irgendwann Gänsehaut bekommen habe und mein Gesicht verziehen musste.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht etwas einwerfen: Ich bin nicht sonderlich schmerzempfindlich, meine Schmerzgrenze liegt, meiner Erfahrung zufolge, recht weit oben. Von meinen 30 Piercings, habe ich bei einem (Conch) meine Brauen ein wenig zusammengezogen, weil es nicht ideal gestochen wurde – was ich im Laufe des Tages gut gespürt habe, da die Hälfte meines Gesichts wehtat und ich nicht einmal richtig essen konnte.
Dieser Absatz soll nicht danach klingen, als wäre ich Achilles und Wonder Woman zugleich. Vielmehr möchte ich euch dabei helfen, euch ein Bild von meiner Schmerzempfindlichkeit zu machen, damit ihr eine bessere Vorstellung des Prozesses habt, um euch die Situation besser vorstellen zu können.

Das tatsächliche Stechen des Tattoos war an einigen Stellen kaum bis gar nicht spürbar. Hin und wieder schaute ich auf meinen Arm und auf Dmirty, meinen Tätowierer, um festzustellen, ob er überhaupt noch sticht. An anderen Stellen hatte ich die Sehnsucht danach, einfach tot umzufallen, um anschließend, nämlich nach der Fertigstellung des Tattoos, wieder in das Reich der Lebenden zurückzukehren (vor allem, weil er eine (temporäre) Leiche selbstverständlich weitertätowieren würde – ich meine…wäre ja schließlich blöd, mit einem unfertigen Tattoo beerdigt zu werden, gell?). 🙂
Spaß beiseite: An manchen Stellen, nämlich dort, wo es eher Richtung Innenarm ging (Hallöchen, Winkarm! Du kleiner, süßer.), war es wirklich schmerzhaft. Wirklich schmerzhaft. Zwischendurch bin ich an einem Punkt angekommen, an welchem ich mich fast übergeben musste. Ich spürte, wie das tatsächliche Gefühl aufkam, mich übergeben zu müssen. In dem Moment signalisierte ich Dmitry, dass ich eine kurze Pause brauchte, was für ihn absolut kein Problem darstellte. Er war ein sehr netter und kompetenter junger Mann.
Nach ca. fünf Minuten ging es dann weiter, denn ihr wisst doch: Nur die harten kommen in den Garten. 😜

Zusammenfassend kann ich zu den Schmerzen sagen, dass es beim Stechen auf die Stelle ankommt. Nicht jede Körperregion tut gleichermaßen weh. Einen Zentimeter weiter links kann die Schmerzintensität deutlich stärker sein, als einen Zentimeter weiter rechts. Und, jetzt kommt der Klischeesatz, der aber nunmal der Tatsache entspricht: Nicht jeder Mensch empfindet Schmerz gleich. Dazu habe ich ein Beispiel von einem meiner zig Besuche beim Piercer: Eines Abends stattete ich dem Studio einen Besuch ab, da ich den Wunsch hatte, ein Tragus gestochen zu bekommen. Vor mir war eine junge Frau dran, welche den gleichen Wunsch hegte. Sie jedoch schrie kurz auf und verließ nach einigen Minuten weinend den Pierceraum – mit Piercing (sie ist nicht herausgestürmt und ergriff die Flucht). Bei mir hingegen war es so, dass ich 0% Schmerzen verspürte. Das einzig ‚Komische‘ war, dass sich das Durchschieben der Nadel, bzw. das Stechen, so anhörte, als steche der Piercer durch Styropor. Dies empfand ich als ein wenig beframdlich, da ich zuvor stets etwas von einem Knacken hörte und online las. Von Schmerzen war aber keine Spur. Glücklicherweise.

Vielleicht noch ein paar Worte zur Body-Modification-Szene…

Leider habe ich mitbekommen, dass viele Menschen in der Body-Modification-Szene ein wenig allergisch darauf reagieren, wenn jemand fragt, ob ein Piercing, ein Tattoo, ein Implantat o. ä., welches ihren Körper ziert, wehgetan hat. Einige reagieren auf diese Frage nicht sonderlich freundlich oder antworten recht überheblich.
Ich empfinde diese Frage als völlig legitim, denn obwohl jeder Mensch Schmerz anders definiert oder ihn anders empfindet, so ist es doch beispielsweise hilfreich zu wissen, dass bestimmte Körperregionen von vielen Leuten, die befragt wurden, als schmerzhafter empfunden werden, als andere, oder? Die Innenseite des Arms gilt beispielsweise bei einer großen Menge von Tätowieren als eine äußerst unangenehme, bzw. schmerzhafte, Stelle. Der Unterarm hingegen gilt als weniger schmerzhaft.
Ich persönlich gehöre zu den Menschen, die andere ebenfalls fragen „Und? Hat es wehgetan? Wie fandest du es?“. Ich finde diese Frage nicht schlimm. Sie ist irgendwann ermüdend, ja, da ich in all den Jahren schon gefühlt zehntausend Mal beantworten musste, ob dieses oder jenes Piercing schmerzhaft war, aber ich finde es vollkommen in Ordnung und freue mich oftmals darüber, anderen Rede und Antwort zu stehen, sofern ich spüre, dass mein Gesprächspartner wirklich daran interessiert ist, denn es gab schon Personen, welche zwar nachfragten, sich aber eher über Body Modification lustig machten. Zudem gab es auch die Fälle, die zwar Fragen stellten, im Grunde allerdings keinerlei Interesse an einer Antwort hatten, da sie so oder so auf ihrer ‚Anti-Schiene‘ verbleiben würden – ganz egal, wie meine Antwort ausfällt. Die Hauptsache war für diese Personen, dass sie eine Sache schlechtreden konnten, an der andere, in dem Falle ich, Spaß und Freude hatten. Ich denke, wir alle kennen solche Personen – mindestens eine.

Ich finde, gerade weil wir ‚Body Modder‘ von der Gesellschaft leider immer noch überwiegend abwertende Blicke zugeworfen bekommen und ebenfalls immer noch ausgegrenzt und als ‚asozial‘ bezeichnet werden – Diskriminierung und Schubladendenken pur –, sollten wir in mancherlei Situation sehr freundlich, zuvorkommend und kompetent auftreten. Denn dann sehen die Menschen, die vorher möglicherweise ein schlechtes Bild von uns hatten – frei nach dem Motto „Ah, ein Lippenpiercing. Bestimmt drogenabhängig und ohne Manieren.“ –, dass wir trotz Körperschmuck ‚vollkommen normale Menschen‘ sind, die es einfach mögen, ihre Haut zu schmücken. Denn im Großen und Ganzen ist es genau das: Wir mögen es einfach. Wir finden es schön. Wir gestalten unseren Körper gern. Und das hat absolut nichts mit Kriminalität, ‚asozialem Verhalten‘, Bildungslücken, Drogenkonsum o. ä. zu tun.
Schade, dass ich diesen Absatz überhaupt noch schreiben muss, aber leider finde ich mich bis heute noch ab und an in Situationen wieder, in welchen man mir nach einer Weile folgendes mitteilt: „Anfangs dachte ich, dass du total…anders bist. Irgendwie so…unfreundlich. Gar nicht so nett und humorvoll. Ich dachte außerdem, dass du immer Alkohol trinkst. Joa. Und am Wochenende dann halt auch mal was einschmeißt. Wegen der Piercings halt.“ – Ich denke nicht, dass ich dazu noch etwas sagen muss.
Ich lebe straight edge.

 

Puh, wer bis hierhin gelesen hat: Schön, dass du so interessiert an meinem Beitrag bist! 🙂 Nun erlöse ich dich aber, denn für nun soll es dies erst einmal gewesen sein. 😄
Ich denke, dass der nächste Beitrag in meiner ‚With Ink and Love‘-Reihe eine Tattoopflegeroutine sein wird. Bei Interesse: Bitte in den Kommentaren deutlich machen. 😄

Bis zum nächsten Mal!